Warum überhaupt gebisslos reiten?
Nur weil es sich netter anhört?
Nein!
Versuchen Sie doch einmal mit einem Teelöffelim Mund zu joggen. Man bekommt nur sehr schwer Luft. Pferde haben mit Gebiss im Maul dasselbe Problem.
Auszüge von:
Herrn Philippe Karl aus seinem Buch Reitkunst:
Das Pferd wird nicht mit Eisen im Maul geboren. Das es sich unwohl fühlt und verspannt, ist natürlich. Um also das Phänomen des „Abstoßens“ zu vermeiden, muss also das „Implantat einwachsen“. Die Hand muss das Maul besänftigen, damit es den Fremdkörper annimmt und dahin kommt, mit ihm zu spielen, statt ihn zu fürchten und zu fliehen.
Das Gebiss wirkt nämlich auf die Zunge, die aus Schleimhaut besteht, einem sehr stark durchbluteten, von Nerven durchzogenen Gewebe, … und daher besonders empfindlich ist. Wer Spaß daran hat, sich auf die Zunge zu beißen, soll das Gegenteil behaupten! Das ist beim Pferd nicht anders als beim Menschen.
In den meisten Widersetzlichkeiten äußert sich ein „Abstoßen“ des Fremdkörpers im Maul. Die Liste ist lang, sie hängt vom Temperament des Pferdes und der Schwere der vom Reiter begangenen Fehler ab:
Verspannte Kiefer, zusammengebissene Zähne
Zähneknirschen
Verwerfen im Genick
Pferd überzäumt, hinter dem Zügel
Sterngucker, Kopfnicken, Kopfschlagen
Zunge in den Rachen hochgezogen, seitlich herausgestreckt oder über das Gebiss genommen
Auf dem Gipfel der Verzweiflung kann das Pferd schließlich das Vorwärtsgehen verweigern oder sogar steigen.
Zusammenfassung: Spannung des Zügels => Druck des Mundstücks auf die Zunge => Schmerz => Verspannung und Blockieren des Unterkiefers => durch Übertragung: Verbreitung dieser Verspannung über die Muskeln des Halses bzw. des Rückens und so weiter ...
Zumindest diese große Problematik der Gebissnutzung beim Pferd kennt auch Herr Philippe Karl offenkundig sehr genau. Weshalb er sich noch nicht nach einer Alternative zum Gebiss umgeschaut hat, wäre ausgesprochen interessant zu erfahren!
Gesundheitliche Auswirkungen einer Gebiss-Zäumung für Kehlkopf und Lungen:
Ein Mundstück wird im Idealfall vom Pferd nur als unangenehm empfunden. Wie gut es sich mit einem Mundstück arrangiert, hängt im Wesentlichen von der individuellen körperlichen und seelischen Sensibilität, der Art des verschnallten Gebisses und der Reitweise des Reiters ab. Nur die besten Reiter, d.h. die wahren Meister verursachen ihren Pferden eventuell keine größeren Unannehmlichkeiten oder Schmerzen mit dem Gebiss, denn sie haben gelernt, es so gut wie gar nicht zu benutzen. Die Tierärztliche Hochschule Hannover hat interessanterweise in einer viel zitierten Studie nachgewiesen, dass die Mundhöhle des Pferdes grundsätzlich keinen Platz für ein Gebiss aufweist. Dieser Umstand wird noch durch die Pferdezucht der letzten Jahrzehnte verstärkt, weil die Veredelung der Warmblutzucht vornehmlich durch Vollblüter und iberische Pferde auch zu einer Verkleinerung des Kopfes bei den meisten gängigen Warmblutrassen geführt hat, wohingegen die Größe und Dicke der Gebisse weitgehend unverändert blieben.
Das Gebissstück stellt einen Fremdkörper im Pferdemaul dar, das beim Pferd sich widersprechende reflektorische Vorgänge mit den entsprechenden negativen Begleiterscheinungen auslöst. Das gemeinhin als Zeichen von Zufriedenheit interpretierte Kauen des Pferdes auf seiner Trense, das mit mehr oder weniger Speichelfluss einhergeht, ist Cook zufolge lediglich der Versuch des Pferdes, sich durch Kauen, Zungenbewegung und Speicheln eines unangenehmen Fremdkörpers zu entledigen. Während der durch das Gebiss ausgelöste Speichelfluss normalerweise dazu dient, das im Maul befindliche Futter gut einzuspeicheln und besser verdaulich zu machen, sind die Zungen- und Kiefernbewegungen die Folge von durch Schmerzreize ausgelösten Reflexen.
Wenn nun aber der Fremdkörper im Maul keine Nahrung ist, sondern das Trensengebiss und das Pferd Muskelarbeit leistet und erhöhten Bedarf an Sauerstoff hat, dann entsteht im Rachen ein Konflikt, denn die Muskulatur im Kehlbereich bekommt sowohl die Meldung, dass ein Fremdkörper im Maul eingespeichelt und geschluckt werden soll, wobei sich der Kehldeckel zum Schutz der Luftröhre schließen muss (Abb. 4a und b) als auch die Reflexmeldung, dass aufgrund von Muskelarbeit erhöhter Sauerstoffbedarf vorliegt, der nur durch das weit Stellen des Kehlkopfes und starke Atmung gedeckt werden kann. Der durch das Gebiss ausgelöste starke Speichelfluss kann beim körperlich beanspruchten Reitpferd Hustenreiz auslösen, denn der Speichel gelangt durch den weit gestellten Kehlgang mit dem Luftstrom sehr leicht in die Luftröhre.
Laut Cook entziehen sich erfahrene Pferde dieser Problematik, indem sie die Zungenwurzel zurückziehen, wodurch der Kehldeckel etwas steiler gedrückt wird und der Rachenraum sich insgesamt verengt. Speichel kann nun nicht mehr so leicht in die Luftröhre gelangen, doch zugleich wird der Luftweg eingeengt und damit die Sauerstoffversorgung des Pferdes vermindert. Keuchende Atemgeräusche und schäumende Mäuler bei Reitpferden sind Ausdruck des beschriebenen Reflexkonfliktes und eines sich daraus ergebenden akuten Sauerstoffmangels; im Freileben haben Pferde auch bei körperlicher Anstrengung ein relativ trockenes, stets geschlossenes Maul. In schwer wiegenden Fällen kommt es durch den Reflexkonflikt zu Muskelverkrampfungen im Kehlkopf, die Oberflächenschleimhaut entzündet sich (Kehlkopfentzündung) und Schluckbeschwerden und ein unnatürliches Atemgeräusch entstehen (Kehlkopfgeräusch), das sich durch eine Operation nicht – wie häufig angenommen - beheben lässt, sondern nur weiter verschlimmert. In der Mehrzahl der Fälle spielt sich alles zwischen diesen beiden Extremen ab.
Wissenschaftliche Studien eines weltweit anerkannten Kopfspezialisten (Prof. Dr. Robert Cook). Dies waren einige Auszüge aus dem Buch von Hiltrud Straßer und Robert Cook: Eisen im Pferdemaul. Knirsch-Verlag, 2003. S. 13f.